Seit dem Schuljahr 2006/07 werden die Schülerinnen und Schüler der Unterstufe in der Förderschule Schwerpunkt „Lernen“ in altersgemischten Klassen unterrichtet. Dem voraus ging eine ca. dreivierteljährige Diskussion unter den beteiligten Kolleginnen und den Eltern, sowie ein Konferenzbeschluss.
Welche Gründe haben uns zu dem Schritt bewogen ?
Die altersgleichen Klassen gaukelten eine Homogenität vor, die es zumindest in der Förderschule nicht gibt. Die Curricula fordern deshalb zu Recht eine individuelle Förderung. Gerade Schülerinnen und Schülern, die in der Regelschule gescheitert waren, neigten dazu, sich ständig mit den anderen Kindern zu vergleichen und durch die Konkurrenzsituation im Lernen blockiert zu werden. Das soziale Miteinander war in dieser Situation erschwert. Verhaltensauffälligkeiten traten auf und die Kinder konnten nur schwer ihre Rolle/ihre Position in der Klasse verändern.
Die meisten anderen Gruppierungen in unserer Gesellschaft sind altersgemischt, der Sportverein, der Arbeitsplatz, der Freundeskreis. Auf der anderen Seite wachsen Kinder oft als Einzelkinder auf und es fehlen ihnen wichtige soziale Erfahrungen.
Wir sahen (und sehen) durch die altersgemischten Klassen eine pädagogische Chance, diese Situationen zu verbessern.
Wir sehen unsere Arbeit mit den altersgemischten Klassen in der Erprobungsphase und sind immer auf der Suche nach Verbesserungen.
Nach fünf Jahren mit den altersgemischten Klassen haben wir folgende Vor- und Nachteile unseres Konzeptes festgestellt:
- Schulneulinge wachsen schneller in die Klasse hinein. Die eingeführten, verabredeten Rituale und Arbeitsformen bleiben erhalten und werden von den älteren an die jüngeren weitergegeben. Der Nachahmungsdrang der Kleinen ist groß und sie sind nicht allein auf das Vorbild der Lehrerin angewiesen, sondern orientieren sich stark an den älteren Schülerinnen und Schülern. Das empfinden wir als spürbare Entlastung.
- Die Rolle, die ein Kind in der Klasse hat, verändert sich: es wird vom Kleinen, dem viel geholfen wird im nächsten Jahr zu einem Kind, das jetzt helfen kann, seine Erfahrungen weitergeben kann.
- Schwächere Schüler können leichter motiviert werden, an ihren Schwächen zu arbeiten, weil es jüngere Kinder gibt, denen sie trotz ihrer Schwäche helfen können. Das Vergleichen und Stigmatisieren hat sich verringert.
- Die Lernanreize sind vielfältiger; die jüngeren Schüler sehen und hören, mit welchen Inhalten sich die älteren Mitschüler beschäftigen, sie bewundern diese und haben eher den Wunsch, dies auch zu können. Die älteren Schüler haben die Chance, Inhalte der jüngeren noch einmal (unauffällig) zu wiederholen. Jeder Lernstoff oder Lerntechnik, den die Größeren an die Jüngeren weitergeben (und das tun sie gern!) bedeutet eine Wiederholung, Übung und Anwendung auf einer höheren Ebene.
- Insgesamt hat sich das soziale Miteinander spürbar verbessert.
- Wenn ein Kind neu an unsere Schule kommt haben wir mehrere unterschiedliche Klassen/Klassenlehrerinnen zur Auswahl.
Als Nachteil sehen wir z. T., dass sich Rituale und manche Inhalte, die für die gesamte Klasse relevant sind, an einem mittleren Level orientieren und die sehr jungen und sehr alten Schüler über- bzw. unterfordert werden.
Die Arbeitsbelastung für die Kolleginnen ist höher als in der altersgleichen Klasse, trotzdem möchte z. Z. niemand die Unterstufe verlassen oder plädiert für die Rückkehr zu dem alten System.
Wie sieht die Praxis aus ?
Die Klassen sind ca. 10 Kinder groß und werden in der Regel von einer Lehrerin unterrichtet, manchmal unterstützen uns Praktikanten. Den fehlenden Stundenbedarf einer Klasse im Ganztagesbetrieb deckt eine weitere Kollegin ab, die (möglichst) in einer weiteren Klasse ebenfalls den fehlenden Bedarf abdeckt.
Wir sehen die Individualität unserer Schülerinnen und Schüler als Bereicherung, logischerweise gilt dies nicht nur für die Kinder sondern auch für uns Kolleginnen. Ein gemeinsames Konzept darf unseres Erachtens nicht zur Pflicht für jeden Kollegen werden, sondern soll die individuelle Arbeit in der Klasse unterstützen und erleichtern. Auch für uns Lehrerinnen gilt daher, dass jede nach ihren Stärken und Vorlieben ihren Unterricht in der Klasse gestaltet.
Ein Kerngedanke unseres Konzeptes ist der Wechsel zwischen stark individualisierten Phasen, Kursunterricht für eine Teilgruppe und Kernunterricht für die Gesamtklasse.
In den Individualphasen arbeiten die Kinder vor allem an den Lehrgängen in Deutsch und Mathematik. Mit Hilfe eines individuellen Wochenplanes/Arbeitsplanes arbeiten die Kinder an unterschiedlichen Themen und Aufgaben. Diese Arbeit ist nicht zwangsläufig Einzelarbeit, sondern wir versuchen auch hier einen sinnvollen Wechsel zwischen Partnerarbeit und Einzelarbeit, zwischen Arbeit in Heften, Arbeitsblättern und handelnden Tun, zwischen Wiederholung und etwas Neues entdecken. In diesen Phasen profitieren wir Kolleginnen von dem Lernstand der Großen, die den Kleinen bei vielen Aufgaben die notwendigen, oft nur kleinen Hilfen geben können. Der Wechsel zwischen Stillarbeitsphasen in Einzelarbeit (z.B. in Heften oder Arbeitsblättern) und der handelnden Arbeit meistens mit einem Partner ist auch mit einem Moment Bewegung verbunden; die neue Situation, das neue Umfeld kennzeichnen so den Beginn einer neuen Lernsituation.
Im Kursunterricht werden die SchülerInnen in einer kleinen Lerngruppe gemeinsam unterrichtet.
- Im SU haben wir unterschiedliche Modelle ausprobiert, die je nach Thema Vor- und Nachteile haben. (I) Bei der Arbeit an einem Sachunterrichtsthema arbeiten die Kinder nicht zielgleich. Die Ergebnisse der unterschiedlichen (Alters-)Gruppen werden sich gegenseitig oder den Eltern vorgestellt. Die Kleineren hören sich mit Staunen und Bewunderung die Ergebnisse der Größeren an, manches wird dadurch schon „gelernt“, auf anderes wird vielleicht neugierig gemacht. Die Größeren, vor allem die leistungsschwächeren, erfahren wie viel sie schon im Vergleich zu den Kleineren dazu gelernt haben. Das stärkt das Selbstwertgefühl. Die Größeren würdigen in der Regel die Anstrengungen der Jüngeren. (II) Die Kinder arbeiten in altersgemischten Kleingruppen an einem (Teil-)thema. Hier ist es erforderlich, dass die Aufgabenstellungen so differenziert sind, dass die Gruppe für jeden Leistungsstand eine sinnvolle Aufgabe findet. Hier wird Teamfähigkeit gefordert und gefördert, denn alle Aufgaben müssen als Gruppe bearbeitet werden. Dazu müssen sie sich der eigenen Stärken und Schwächen und die der Gruppenmitglieder bewusst werden. Absprachen müssen getroffen werden. Für uns ist hier neben dem Lernzuwachs am Inhalt vor allem die Reflexion über die Gruppenarbeit und die Rolle der Gruppenmitglieder wichtig.
- Während die SchülerInnen der 3. und der 4. Klasse in je einer Stunde in Englisch unterrichtet werden, haben die übrigen Schüler z.B. Leseförderung, motorische Förderung (u. a. Reiten) oder Geometrie.
Der Kernunterricht ist die Zeit, in der alle Schüler der Klasse gemeinsam unterrichtet werden, z. B. Sport oder Schwimmen. Im Kernunterricht findet auch der Klassenalltag statt,
* die gemeinsame Wochenplanung oder Wochenreflektion, bei der einzelne Kinder Gelegenheit haben, etwas zu erzählen, vorzulesen oder eine Entdeckung im Mathematikunterricht vorzustellen.
* die Klärung eines Konfliktes durch den Klassenrat
* die Geburtstagsfeier
* gemeinsame Spiele zur Stärkung der sozialen Kompetenzen
Während 4/6 Unterrichtsstunden pro Woche versuchen wir die Segregation unserer SchülerInnen in Ansätzen aufzulösen.
* Die AG-Angebote werden schulformübergreifend angeboten (FÖS Lernen, körperlich-motorische Entwicklung, Sprache, Geistige Entwicklung und Grundschule) und von den SchülerInnen gewählt. Der Unterricht wird von Lehrern aller Schulformen erteilt.
* Es bestehen Partnerschaften zwischen je zwei Klassen aus verschiedenen Schulformen (s.o.), die gemeinsamen Unterricht planen und durchführen.
Dieser Wechsel der Unterrichtsformen bietet sicherlich viele Möglichkeiten des Lernens, aber kann leicht zu einer Überforderung für die Kinder werden. Ganz wichtig sind hier lange immer gleich ablaufende Phasen mit einem möglichst immer wiederkehrenden Rhythmus, die transparent gemacht werden müssen. Auch sich täglich wiederholende Rituale geben Sicherheit. Deshalb hängt der individuelle Stundenplan der Woche im Klassenraum und wird täglich besprochen. Im morgendlichen Stuhlkreis planen die Kinder mit Hilfe ihres Wochenplanes ihre Ziele des Tages und organisieren ihre Arbeit. Am Ende des Tages wird die Arbeit des Einzelnen reflektiert. Ritualisiert sind auch organisatorische Abläufe wie die Materialholung, Dienste für die Klasse usw.
Für uns Kolleginnen bedeutet diese Unterrichtsform sicherlich Mehrarbeit als in einer altersgleichen (und trotzdem nicht homogenen) Klasse. Wir empfinden dies z. Z. trotzdem als Bereicherung und versuchen durch Zusammenarbeit und Arbeitsteilung den Arbeitsaufwand zu minimieren.